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Die christliche Gemeinde als Ort der Heilung

Vier inhaltliche Schwerpunkte der Seelsorge

 

1.      Vorbeugen

Bereits mit vorbeugenden Massnahmen (Praevention) beginnt die seelsorgerliche Verantwortung der christlichen Gemeinde. Denn wenn wir gute Fundamente legen, koennen Menschen darauf aufbauen, Orientierung und Halt finden und muessen nicht erst "die Krise kriegen". Denn "Vorbeugen ist besser als Heilen", und viele Themen bieten sich an, z.B. Vorbereitung auf Ehe und Elternschaft, auf's Alter und Alleinsein oder in Fragen koerperlicher und seelischer Gesundheit. Langfristig ist Praevention der bessere Weg. Oft sehen wir, dass Menschen um uns herum in Probleme geraten und immer tiefer in eine Notlage rutschen; und manchmal ahnen wir sogar solche Entwicklungen. Und dann? Nichtstun, wegschauen?

Die ganze Gemeinde soll ein Ort der Heilung sein, weit ueber ein Seelsorgeteam oder externe Fachleute zur Krisenintervention und Hilfe hinaus. Schliesslich haben wir den Heiligen Geist und er wirkt unter uns. Zu seinen Aufgaben gehoert es, uns in alle Wahrheit zu leiten (Joh 16,13). Ein biblischer Leitgedanke zur Praevention ist der seelsorgerliche Rat aus 2. Kor. 13,11: "Freut euch, lasst euch zurecht bringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein".

2.      Verbeugen

Weil Gott der Groesste, der Heilige und Unvergleichliche ist, beugen wir uns in Ehrfurcht vor ihm. Eine solche Verbeugung ist Ausdruck der Anbetung Gottes, denn Anbetung ist nicht primaer eine Gefuehlsregung, sondern Zeichen unserer Stellung vor Gott. Diese demuetige Verbeugung vor Gott kann uns trotz Trauer, Leid, Enttaeuschungen usw. zufrieden machen (Phil 4,7). Denn "Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen". Diese Aussage aus Roem 8,28 ist kein seelsorgerlicher Notstopfen, sondern fuehrt uns dahin, dass wir Gottes Handeln und seine Souveraenitaet anerkennen und lernen, auch Schweres von Gott anzunehmen.

Annehmen wiederum bedeutet nicht Gutheissen-Muessen, sondern einen Baustein (Erlebnisse) innerhalb der eigenen Biographie stehen lassen - und mit Gottes Hilfe darauf aufbauen. Wir koennen ja nichts ungeschehen machen. Das ist eine erste Erkenntnis, die wir akzeptieren muessen. Und die zweite: es ist auch im Leben von Christen nicht alles heilbar oder medizinisch und therapeutisch machbar.

Eine Verbeugung in diesem Sinne ist die Position zwischen Vorbeugen und Heilen.

Die Aufgabe des Seelsorgers ist hierbei die Begleitung mit langem Atem.

3.      Erkennen

Erkennen hat mit Beziehung zu tun, nicht mit oberflaechlicher, sondern Beziehung in der Tiefe. "Adam erkannte sein Weib", steht in der Bibel, d.h. da formte sich etwas zu einem vertrauensvollen Du. Wirkliches Erkennen muss in jeder seelsorgerlichen Begegnung vorhanden sein, sonst mueht man sich vielleicht ab, geht aber an der eigentlichen Beduerftigkeit eines anderen vorbei. "Einer trage des anderen Last", mahnt Paulus in Gal. 6,2. Das setzt voraus, dass wir den anderen und seine Last richtig (er)kennen und auch erkennen, welche Hilfe wir ihm geben koennen und sollen, um "das Gesetz Christi zu erfuellen".

Gute Begegnungen und Beziehungsfaehigkeit sind seit langem ein wichtiges Thema unserer Seelsorgearbeit im Bund. Unsere drei Ausbildungsangebote koennen auf jeweils unterschiedliche Weise helfen, das Umfeld einer Problematik zu erkennen und sich einem oder mehreren Menschen seelsorgerlich angemessen zuzuwenden.

Begabte Ersthelfer ("Laienseelsorger") sind dabei ebenso gefordert wie professionelle Helfer.

Phil 2, 3-5 sind Leitverse dazu: "Tut nichts aus Eigennutz oder Ruhmsucht, sondern in Demut achte einer den anderen hoeher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das seine, sondern auf das, was dem anderen dient. Seid untereinander so gesinnt, wie es der Gemeinschaft mit Jesus Christus entspricht".

4.      Bekennen

Schuldeinsicht, Busse, Beichte, Vergebung, ggfs. Wiedergutmachung - wer drueckt sich nicht gern darum und versucht statt dessen, seine besten Seiten zu zeigen? Aber wenn wir uns gegenseitig vergeben, koennen Beziehungen gesunden. Trotzdem verheimlichen wir viel. Was uns bei Menschen teilweise gelingt, ist vor Gott nicht moeglich. Er kennt unsere Schuld und unser Scheitern. Seine Hilfe ist an den Erloesungsweg seines Sohnes Jesus Christus gebunden. Gottes Ziel ist es, uns zu entlasten: vom Tod als Lohn der Suende (Roe 6,23), von gegenseitiger Anklage und Entfremdung und vom Druck auf unserer Seele (z.B. als Selbstanklage).

 "Bekennt einander eure Suenden und betet fuereinander, damit ihr gesund werdet" (Jak 5,16). So steht es in Gottes Wort. Fuer mich geht es dabei nicht nur um physische Gesundheit, sondern um den ganzen Menschen. Ich moechte den Wert der Beichte, die wir in unseren Gemeinden kaum thematisieren, neu betonen und dazu beitragen, dass sich Geschwister vertrauen, dass sie ehrlich werden und betend helfen, statt uebereinander den Stab zu brechen. Denn der Zuspruch der Vergebung durch einen anderen Christen erreicht in uns tiefere Schichten. Beichte ist eine grosse Chance, keine Erfindung von Menschen, sondern Gottes gute Idee fuer seine Kinder.               

Harald Petersen